Haltlos Leinen los!

Bild: Leinen los © Martina Jung

Leinen los …!

„Ist sie läufig?“, schallt es mir schon von Weitem entgegen. „Nein, ist er nicht. Wir sind hier in einem Naturschutzgebiet mit strenger Anleinpflicht.“ – „Ach du gute Güte, hier lassen doch alle ihre Hunde freilaufen. Dann können sie also spielen?“ Mein „Nein, weil meiner angeleint ist…“, kommt zu spät, schon ist mein Schultergelenk halb ausgekugelt, weil Tommy dem Angriff von Hund von vorn mit einem eleganten Haken zur Seite ausweichen wollte. Klasse.

Hunde anleinen ist nicht nur so was von out, vielen Herrchen und Frauchen ist es geradezu ein Dorn im Auge. Manche schauen mich an, als wollten sie gleich den Tierschutz verständigen, wenn ich meinen Hund ohne „stichhaltigen“ Grund „abführe“. Oder ihn scheinbar ängstlich an mich binde, ihn nicht „lassen“ kann. Du merkst schon beim Lesen, dass dieses Thema mich nicht kalt lässt. Darum will ich mir heute einmal selbst auf die Spur gehen: Was verbirgt sich eigentlich alles hinter dem Bild des angeleinten Hundes? Ich kenne mich gut genug, um zu wissen: Wenn mich etwas so fuchsig macht, dann geht es meist um tiefere Wahrheiten – und um Themen, mit denen ich selbst auch noch lange nicht fertig bin.

 

Eine Leine schafft Verbindung

Das ist nicht von der Hand zu weisen. Mit einer Leine binde ich mich an meinen Hund und meinen Hund an mich. So gelesen ist eine Leine ja erst einmal etwas Wunderbares. Denn Bindung wollen wir doch alle zu unserem Hund aufbauen. – Klar, die Gegenargumente liegen ebenfalls auf der Hand: Diese Form der Bindung beruht nicht auf Gegenseitigkeit, der Hund wird angebunden, er hat keine Wahl.

Dennoch möchte ich dem Gedanken noch etwas nachgehen, was eine Leine als Verbindung zwischen Hund und Mensch bedeuten kann.

 

Die Botschaft der Leine

Ich finde zum Beispiel, dass eine Leine ein guter Gradmesser dafür ist, wie es in diesem Moment um die Verbindung zwischen mir und meinem Hund steht. Wer gibt hier gerade die Richtung vor, wie kommunizieren wir miteinander, wer von uns beiden zerrt und zieht am anderen? Die Leine gibt mir ganz direkt Rückmeldung. Spüre ich die Leine nicht, dann weiß ich, dass Tommy und ich miteinander im Einklang sind. Ich brauche keine Worte oder Befehle. Wir sind beide ganz bei uns und trotzdem im lockeren, freien Gleichschritt. Ein wunderbares Gefühl!

Zerrt oder zieht Tommy oder zerre oder ziehe ich, dann weiß ich: Wir sind falsch „verbunden“. Vielleicht hapert’s mit der Kommunikation oder eine/r von uns will einfach gerade nicht so wie der oder die andere. Dafür kann es gute Gründe geben, auf beiden Seiten.

In diesem Fall gibt es zwei Möglichkeiten: Ich versuche, wieder mit meinem Hund in einen guten Kontakt zu kommen – und die Leine lügt nicht: Sie zeigt mir gnadenlos, wie erfolgreich ich damit bin. Oder wenn es mir einfach gerade nicht gelingen will, mich auf irgendjemand oder irgendetwas einzulassen, weiß ich zumindest: Die Leine hält uns dennoch in Verbindung, auch wenn diese Verbindung für den Augenblick rein mechanisch ist. Auch das kann ein sehr beruhigendes Gefühl sein.

Denn ja, ich gestehe: Es gibt solche Tage, da stehe oder gehe ich so neben mir, dass die Gassi-Runde ein einziges Gezerre und Geziehe ist. Obwohl Tommy eins-a an der Leine laufen kann … oder könnte … 😉 Und gerade an solchen Tagen lasse ich meinen Hund eben ganz bewusst nicht von der Leine, da ich weiß: Sie ist heute meine einzige Garantie, dass MEIN schlechter Zustand nicht am Ende zulasten meines Hundes geht, der vielleicht meint, sein völlig abwesendes Frauchen gegen lebensgefährliche Radfahrer oder französische Bulldoggen verteidigen zu müssen.

An solchen Tagen schenkt die Leine mir Entlastung und meinem Hund Sicherheit. Das finde ich nicht das Schlechteste.

 

Eine Wahrheit über Beziehung

Wenn ich so auf dieses Thema schaue, entdecke ich die tiefere Wahrheit dahinter, um die wir eigentlich alle wissen. Eine gesunde Beziehung braucht beides: Das Vertrauen, einander frei zu lassen. Und echte Verbindlichkeit, die auch in Krisenzeiten hält. Eine gute Verbindung eingehen, das ist richtig Arbeit. Ist das nicht auch bei uns Menschen so?

Auf meinen Hund bezogen kann ich sagen: Wenn Tommy tief entspannt an durchhängender Leine neben mir durch das Naturschutzgebiet trabt, dann ist es für ihn auch eine Form zu sagen: Ich binde mich gerne an dich und ich genieße es, dass du dich an mich bindest. Denn auch er liest und versteht die Botschaft der Leine.

 

Meine Good News für heute: Lass es dir egal sein, was die anderen sagen oder denken. Wenn du weißt, dass die Verbindlichkeit einer Leine dir und deinem Hund jetzt gerade gut tut, dann steh zu euch beiden. Das ist das Beste, was du euch und eurer Beziehung schenken kannst.