Bei mir! – Eine kleine Anregung zum „Ganz bei mir sein“

Goodnewsletter 2/2018 Foto © Thomas Schmidt

Du hast sicher auch dieses eine Rückrufkommando, bei dem der Hund auf den Fersen kehrt macht, weil er weiß: Hier gibt’s keine Diskussion. Okay, in den ersten Jahren funktioniert das Kommando vor allem theoretisch. Aber wenn du diese ersten („Aufbau“-)Jahre hinter dich gebracht hast, kannst du sicher sein: Jetzt sitzt es, das „99%-Kommando“. Ein tolles Gefühl!

Für Tommy lautet dieses Rückrufkommando „Bei mir!“ Es funktioniert mittlerweile zuverlässig. So dachte ich, denn das war meine tägliche Erfahrung … zumindest bis zum vergangenen Sonntag. Ausgerechnet im Training mit der Rettungshundestaffel scherte sich Tommy plötzlich überhaupt nicht mehr um meinen Rückruf. Denkste! Stattdessen raste er weiter durchs Unterholz, zunächst noch fröhlich motiviert, dann zunehmend orientierungslos und müde. Meine Rufe verhallten ungehört. Und irgendwann war auch das Glöckchen der Kenndecke nicht mehr zu hören.  Tommy hatte mich buchstäblich im Wald stehen lassen. Klasse!
Was war schiefgelaufen? Gerade im Training arbeiten wir super zusammen und haben überhaupt kein Thema mit dem Gehorsam. Als ich abends noch mal über die misslungene Performance nachdachte, echote immer wieder mein hohles Rufen durch meinen Schädel. „Bei mir…“ – Bei mir? Wo war das noch gleich? Wo war ich eigentlich gewesen, gestern? Wie war die Situation?

Wir trainierten eine Personensuche in einem Waldgebiet. Im Fokus: Orientierung und Suchtaktik der Hundeführerin. Fast unausweichlich kam irgendwann die Frage der Ausbilderin: „Bist du sicher, dass du noch geradeaus läufst?“ Mein Gefühl sagte mir eindeutig ja! Aber die Skepsis der Ausbilderin wirkte unverzüglich. Mist! Einfach gelaufen, ohne auf den Kompass zu gucken! Also schnell den Kompass zur Hand genommen. Das Ergebnis: Wir laufen exakt geradeaus. Puh, Glück gehabt! Aber besser und richtiger und professioneller wäre gewesen, du hättest das Teil beziehungsweise das Tool öfter zu Rate gezogen!

Ich war also wieder auf dem rechten Pfad – allein: Nun war mein Hund verschwunden. Dummerweise konnte mir der allwissende Kompass keine Auskunft darüber geben, wo Tommy verblieben war. Weg war er … genau wie meine Selbstsicherheit. Erst einfach ohne Kompass losgelaufen, dann den Hund aus den Augen verloren. Alles falsch gemacht. Und Tschüss, Selbstvertrauen.
Weg war ich. Meilenweit entfernt von mir und meiner inneren Mitte. In diesem Zustand sollte ich meinen Hund aus mehreren hundert Meter Entfernung zurückrufen. Bei mir! – Wie sollte der Hund wissen, wo das sein sollte? Ich stand die ganze Zeit an derselben Stelle im Wald und war dennoch nicht mehr auffindbar …

Also tat Tommy, was ihm aufgetragen war: Er suchte weiter. Und ich stand da und suchte meinen Hund – anstatt erst mal wieder zu mir selbst zu finden. Das Schönste an der Geschichte ist dann das gute Ende: Als ich mich und den Hund gänzlich verloren hatte, ist Tommy zum Auto gelaufen und hat beschlossen, dort auf mich zu warten. Er hat sich wohl gesagt: Früher oder später wird sie wieder zu sich und zu unserer fahrenden Hundehütte zurückfinden. Alte Regel: Warte dort auf dein verirrtes Tier, wo es weggelaufen ist oder wo es garantiert wieder hinfindet.

Bei mir! – Das war mir hoffentlich eine Lehre. Bei mir bleiben, wenn der Hund wissen soll, was er zu tun hat. Ganz bei mir bleiben, wenn es um Fragen der Orientierung und des Standpunktes geht. Bei mir bleiben, klar, eindeutig und authentisch. – Hilft übrigens nicht nur bei der Rettungshundearbeit.

Ich wünsche dir einen tollen Sommer und viel Zeit mit dir und ganz bei dir selbst!

Deine Martina

P.S. Das „Ganz bei mir selbst sein“ hat immer mal seine Aussetzer, da helfen alle guten Vorsätze und klugen Reden nichts. Daher überlege ich, doch wieder einen Rückruf mit Hundepfeife aufzubauen … für alle Fälle 😉